Geschichte des Frauenvereins

Frauenverein Unterstammheim – eine 140 jährige Erfolgsgeschichte

Oder : Der Frauenverein Unterstammheim schreibt Geschichte

Wir massen uns nicht an – eine 140-jährige Vereinsgeschichte in ein paar Zeilen packen zu können, um diese Frauen, welche über Jahrzehnte die Vereinsgeschichte geprägt hatten, zu beschreiben.

Wir spannen mit diesem Bericht eher einen Bogen von den legendären Anfängen einer Frauengruppe – bis hin zu einem interessanten und lebhaften, ideenreichen Verein in der heutigen Zeit. Und diese Zeiten haben sich extrem gewandelt…

Am 24. November 1878 trafen sich einige „Frauen und Jungfrauen“ im Gemeindehaus Unter-stammheim. Pfarrer Greminger hatte eingeladen und empfahl eine Vereinsgründung, welche die öffentliche Armenpflege unterstützen sollte. Der Name des neuen Vereins war „Frauenverein für freiwillige Armenpflege“. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte der Pfarrer (!) und 14 Frauen.

Fr. 2.—wurde für den Jahresbeitrag festgelegt. Diese Kosten pro Jahr sollten bis ins Jahr 1971

(93 Jahre!) die gleichen bleiben – wahrlich eine Zeile wert. Mit tadelloser, feiner Tintenschrift nahm die Vereinsgeschichte Ihren Lauf und die erste Jahresrechnung schloss mit Fr. 28.50 ab.

Mit einer ersten Sammlung – leider nicht dokumentiert woraus – stieg das Jahreseinkommen 1911 bereits schon um Fr. 38.--.

Die bescheidenen Anfänge lässt jeden Zweifler staunen – da kamen innerhalb ein paar Jahren sage und schreibe schon Fr. 1252.26 zusammen. (1920) Wehmütig konstatiert man gleichzeitig, dass jenes Vermögen bei der Leihkasse mit einem Zins von 4, 5 % Fr. 58.— abwarf.

Als Vergleich muss man erstaunt realisieren, dass die Lebenskosten ebenfalls eindrücklich ausfielen, nämlich 2 Paar Würste kosteten z. Bspl. 80 Rappen, ein Pfund Kaffee Fr. 1.30, 1 Meter Barchentstoff 75 Rp und vier Knäuel Garn mit Fächtli (!) Fr. 1.52.

Die eigentlichen Aufgaben der Mitglieder war schon in den Anfängen das Helfen und das soziale Denken. Schon von den ersten Gründerjahren an war das feinfühlige Erkennen allfälliger Mängel in den Haushalten ein Alarmzeichen und rief die Unterstützung des „Frauenvereins für die freiwillige Armenpflege“ auf den Platz. Feinsäuberlich wurde Buch geführt über die sehr grosszügigen Spenden aller Art. Die rasche Steigerung des Vereinsvermögens zeigt das sehr grosse Wohlwollen, dass die Leute dem Verein entgegenbrachten.

Der Verein ist sehr aktiv und grosszügig

Die Geschenksauswahl für die Armen reichte von z. Bspl. 3 Stumpen (Raucherwaren) über Bargeld (Fr. 10.—20.--) bis zu 3 Paar Höschen. Manch ein Leser kann sich wohl das Schmunzeln nicht verbergen, ahnt jedoch auch sofort, was die Mängel in der damaligen Zeit im letzten Jahrhundert für die Dorfgemeinschaft doch bedeuten mussten. Sorgfältig aufgelistet hatten die Vorstandsmitglieder eine Uebersicht über die Aermsten der Gemeinde geschaffen. Was mochten doch solche Weih-nachtsgeschenke für ein Segen gewesen sein – eine Flasche Malaga oder 1 Rock, zusammen mit 1 Paar Strümpfen (handgestrickt, wohlverstanden!) oder 1 Büchse Biomalz oder ein Pfund holländischer Kakao wurde ins Haus gebracht. Für uns heute ganz selbstverständliche Nahrungs-mittel, also Kochfett, Reis, Cichorien, Hafergrütze, Zucker und z. Bspl. Erbsen, wurden jeweils auf Neujahr an Bedürftige abgegeben. Im Kassenbuch ist klar erkennbar, dass vorallem in der Altjahrs-woche Buch geführt und verschenkt wurde. Unter dem Jahr wurden an Wöchnerinnen und Kranke jeweils Mittagessen verteilt.

Eine auserwählte Strickerin oder Näherin (mit Namen benannt) bekam für die vorher produzierten Kleidungsstücke (Hemden, Strümpfe oder Nachthemden) einen Lohn ausbezahlt – für 2 Arbeits-stunden Fr. 1.50, Gerechtigkeit muss sein. (J)

Erste Aktivitäten zur Geldbeschaffung

Schon 1930 klimperten in der Vereinskasse Fr. 1442.97. Grosszügig im Verschenken, erkannte man jedoch rasch die Notwendigkeit, auch Geld zusätzlich zum Mitgliederbeitrag erwirtschaften zu müssen. Innovative Frauen fragten 1931 die sog. Kinderschulkommission an, ob diese für einen gemeinsamen Bazar zu gewinnen wäre. Mit vereinter emsiger und freudiger Organisation kam ein legendärer erster Bazar zu Stande. Für unsere heutige medienverwöhnte und übersättigte Zeit mutet das Programm an wie aus einer fernen Welt. Da tauchen Belege auf, bei denen zum Beispiel kiloweise (!) Wolle verarbeitet wurde, Kleidungsstücke wurden hergestellt und ein Beleg der Glashandlung Hirt aus Andelfingen beeindruckt ebenfalls: 200 Kaffeegäbeli und 200 Kaffeelöffeli wurden gemietet.

Wie die Bazarbesucher das Geschirr organisierten, entzieht sich leider unserem Wissen…

Ein Film wurde präsentiert – allerdings mit dem für jene Zeit beachtlichen Eintritt: 50 Rappen, um die Welt aus Indien zu betrachten. (Wer bekam denn in den Krisenjahren Gelegenheit, nach Indien zu reisen!?)

Der durchschlagende Erfolg, Reinerlös Fr. 1561.20, motivierte wohl alle Beteiligten, sodass der Bazar schon 1937 wiederholt statt fand. Wiederum erarbeiteten die Fleissigen Fr. 1600.— für die Kasse. Man muss sich zurückversetzen können, wie aufwendig solche Veranstaltungen wohl gewesen waren, gab es doch kaum eigene Autos, die öffentlichen Verbindungen waren sehr bescheiden und die Telefonnummern funktionierten mit sage und schreibe einer Zahl! Die Metzgerei Gerber besass zum Beispiel die Nummer 18.

In dieser Vereinszeit startet offenbar auch die enge Zusammenarbeit mit der Gemeindekranken-schwester. Diese war am Krankenbett oder im bedürftigen Haushalt und erkannte ebenfalls die allfällige Notlage – und schuf Kontakt mit dem „Frauenverein der freiwilligen Armenpflege“. Im Inventar von 1927 – 33 wurden ein paar Neuanschaffungen notiert.

Kriegsjahre

Im Jahr 1940 wurde der Vereinsname in „Frauenverein Unterstammheim“ modernisiert.

Erneut wurden die Sitzungen intensiviert – man erkannte den Zeitgeist sofort und die Mobilmachung forderte die Frauen in den Familien, Gewerbebetrieben und Bauernbetrieben noch mehr! Die Männer waren ja oft an der Grenze. Unschätzbar war die Hilfe des Vereins erneut auch in diesen Krisenjahren. Den Frauen wurde ein Wäscheflickdienst angeboten – es ist leider nicht dokumentiert, wie lange und wie oft davon Gebrauch gemacht wurde. Bei einem Kaufpreis von Fr. 4.40 für handgestrickte Socken lohnte sich das Löcherstopfen allemal… Es fällt auf, dass in den sechs belastenden Kriegsjahren die Listen der Weihnachtsgeschenke im sog. „Blauen Büchli“ immer länger wurden.

Aufbruch und Reiselust

Die Kassenbelege von 1946 beweisen erneut, dass die Zusammenarbeit mit der Krankenpflege im Dorf nach wie vor ein wichtiger Vereinsbestandteil war. Da werden regelmässig Lebensmittelgaben an erkrankte Gemeindemitglieder verschenkt, z. Bspl. mit folgendem Text, exakt beschrieben:

„Fr. 28.80 gespendet für 90 Eier, Patient mit Name erwähnt“

„15 Eier (total 100 Stk) wöchentlich nach grosser Operation für Zuckerkranken gespendet“. usw.

Am 18. August 1947 wird an einer Sommersitzung beschlossen, noch im gleichen Jahr die erste Frauenvereinsreise durchzuführen. Die Reise soll als Erholung und Abwechslung dienen – man genoss einen halben Tag im Appenzellerland – 30 reisefreudige Mitglieder machten davon erstmals Ge-brauch.

Der Krieg wirkte begreiflicherweise noch nach und beeinflusste noch lange den Alltag der Bevölkerung – und so auch die gewählten Themen der Frauenvereins-GV. So überrascht es nicht, dass 1947 ein Pfarrer Oswald Studer aus Zürich eingeladen wurde und den anwesenden Frauen ernsthaft ins Gewissen redete mit dem tiefsinnigen Thema: „Unser tägliches Brot“. Unter anderem mit dem Zitat…“es ist an den Frauen, den Kindern die Ehrfurcht vom Brot einzupflanzen!“ (…)

1953 lässt der Titel eines GV-Vortrages aufhorchen: „Ich ha ka Ziit“, und heute?

Die kommenden 50iger- und 60iger Jahre liessen die Jahre entspannter angehen, was sich im Vereinsleben mit originellen, lustigen, fröhlichen und abwechslungsreichen Themen zeigt, ob bei der

Reiseauslese oder auch bei GV-Referaten. Die Frauen genossen den Zusammenhalt und das gegen-seitige Kennenlernen, bot doch der Verein Gelegenheit, `mal einen halben oder ganzen Tag dem Haushalt zu „entfliehen“.

Eine neue Idee entstand 1968 , als die sog. „Umtauschbörse für Skis und Skistöcke“ zum Jahreslauf dazugenommen wurde. Diese wurde sehr rege benutzt, war doch die Mode der Kinder auf dem Schulhof noch gar kein Thema – eine sehr sinnvolle Wiederverwendung! (abgeschafft im Jahr 2001)

Die Einnahmequellen für die Vereinskasse änderten sich ebenfalls im Laufe der Zeit. Die Realschulhauseinweihung 1969 zum Beispiel forderte wieder einmal viele fleissige Bäckerinnen und Organisatorinnen. Der Anlass wurde gebührend gefeiert – ev. freudiger von den Erwachsenen als den Schülern (J ) – es brauchte für die Kaffeestube 27 Torten, 10 Hefechränze, 100 Kokosmakrönli, 100 Parisergipfeli, 100 Blätterteiggebäcke, 600 (!) Patisseriestückli, 200 Nuss-u. Aprikosengipfel und 100 Paar Meringues – dazu wurden sage und schreibe 1000 Tassen Kaffee an die Besucher verkauft!

Reinerlös Fr. 1100.—.

Weltoffene Themen waren immer wieder eine willkommene Abwechslung in der Auswahl der Referate für die Generalversammlungs. So bewiesen die Unterstammheimer-Frauen 1971 Interesse an der Politik, denn der Kantonsrat Gisler aus Flaach informierte über: „ Rechte und Pflichten der stimmberechtigten Frau“. Die Vereinsführung hatte sich übrigens stets für einen überkonfessionellen und parteilosen Führungsstil entschieden.

1973 wurden die Frauen des Vereins schon wieder aktiv, denn sie veranlassten einen Gross-Einkauf von Langenthaler Porzellan-Geschirr für den Gemeindehaussaal. Sogar die Reise zur Fabrik diente der genauen Entscheidung, der Auswahl und der „Rekognoszierung“ – man überliess nichts dem Zufall. Die Gemeinde übernahm die Hälfte der Anschaffungskosten – sogar das Gemeinde-Wappen wurde auf Wunsch dazubestellt. Die standesgemässe Einweihung mit den versierten Gastgeberinnen erbrachte den unglaublichen Reinerlös von Fr. 2282.80 –> dass damit auf „Lebzeiten“ des Vereins eine Gratisgeschirrbenützung inklusive wurde – erklärt sich damit von selbst.

(allein an HEKS-Spende Fr. 1700.--)

Der Vorstand des „Frauenvereins Unterstammheim “ war unterdessen ein sehr aktiver, fleissiger und nicht mehr wegzudenkender Dorfverein geworden. Kaum war das neue Geschirr versorgt, begann die Grossplanung für einen neuen Kachelofen für das Altersheim. Die Aktivität wurde durchgeführt zusammen mit den anderen zwei Frauenvereinen des Tals.

Eineinhalb Jahre wurden in die Vorbereitungen investiert, um den „legendären“ Altersheim-Bazar auf die Beine zu stellen. Die Ausmasse der Arbeit kann nur schon in einem (unter sehr vielen Beispielen) entdeckten Verkaufserlös erkannt werden – allein Dörrfrüchte, Gemüse und Tee wurden für

Fr. 1147.— verkauft. Der Bazar mit Brotverkauf, Kaffeestube und Tombola fand am 29. / 30. Nov. 1975 statt und dauerte zwei Tage! Der Reinerlös von Fr. 50`000.—erfreute wohl alle Beteiligten unerreicht – und die Wärme des damals gekauften Kachelofens zu Gunsten der Altersheimbewohner wärmt heute noch die Zentrumsbewohner und Gäste. Welch` Einsatz und welche enorme Motivation war doch nötig, um so eine gemeinschaftliche Leistung erreichen zu können. Chapeau!

1978 - 100 Jahre Aktivität und ein Bundesrat

Ein ideenreicher Vorstand beschloss, das anstehende Jubiläum gebührend zu begehen. An der GV-Vorbereitung wurde ein regelrechter Bundesrat, Herr Brugger, eingeladen. Er hingegen entschuldigte sich mit langen Zeilen beim Verein – er hoffe auf Verständnis für seine Absage. Ja gut dann halt – und so quasi „Schuster bleib bei deinen Leisten“ – wählte der Vorstand dann zur besonderen GV-Feier

ein Dorfthema.

1985 war wieder ein Meilenstein in der Vereinsgeschichte. Ab 1981 pflegte der Frauenverein Kontakt mit „Fröilein Kathleen Maurer“, einer begabten Textilkünstlerin. Der Plan und Beschluss war, einen riesigen Teppich für das Kirchenseitenschiff zu gestalten. Die Vereinsmitglieder fassten Aufgaben und viel Zusammenarbeit war nötig. Am 8. Dezember des besagten Jahres wurde der farbenfrohe, kostbare und sehr dekorative Wandteppich der Gemeinde übergeben. Kosten Fr. 16800.--.

Mehr Glück als für die Bundesratsanfrage hatten die Organisatorinnen für eine andere General-versammlung. Man hatte beschlossen, ein musikalischer Abend gehöre in die Themen-Reihe. Das fantastische Konzert mit dem Berner Troubadour Jacob Stickelberger, Lieder u. a. von Mani Matter zum Besten gebender Künstler, begeisterte den ganzen Saal. Auf die Frage einer Vorstandsfrau, warum der Frauenverein eines Dorfes so eine Koryphäe von Musiker hatte verpflichten können, schmunzelte der bescheidene Sänger und beantwortete dies freimütig ins Publikum so: „ Ihr hend grad a mim Geburtstag aaglütet, mich het me as Telifon grüeft und ich ha e chli „käppelet“ spontan zuegseit!“ Ein unvergesslicher Winter-Abend ging zu Ende.

Immer verlief jedoch das Vereinsgeschehen nicht so reibungslos. 2002 unternahmen aktive Wander-vögel eine Reise ins Zugerland. Vorgängig wurde bestimmt, wer welche Gruppe leiten werde und bei Problemen ein Natel zu Hilfe nehmen könne. Schliesslich gehöre so ein neues Gerät nun in der heu-tigen Zeit einfach zur Kommunikation dazu. Die Reise war mit Wanderstrecken, Imbiss und Bähnli-fahrt abwechslungsreich geplant. Nur die Energien waren ungleich verteilt – ebenso die Vorbereitungen!

Die besonders sportlichen Frauen warteten schon am vereinbarten Zeitpunkt zur dringenden Talfahrt wegen dem Anschluss der SBB. Aber wo waren die restlichen Wanderfrauen….??? Sofort der Gruppe anrufen – und auffordern, sich zu beeilen – nur hatten die zwei vergesslichen Wanderleiterinnen gegenseitig KEINE NUMMERN gespeichert!!

Im Rückblick auf ein aktives, frohes Vereinsleben kommen bestimmt vielen Frauen unvergessliche Zusammenkünfte, Reisen oder gemeinsame Grossaktivitäten in den Sinn. Allein die mehrtägige Reise nach Verona zur Aufführung von „Aida“ darf als einer der Höhepunkte genannt werden.

Die drei legendären Herbstfeste, 1984, 2003, 2011; Die Unterstützung der Tal-Frauenvereine

mit ihren vielen Helferinnen und Helfern war unschätzbar, die ungenannten geleisteten Stunden enorm und es darf nicht vergessen werden, was diese gemeinnützigen Vereine für eine Gemeinde bedeuten, und dass solche Leistungen eigentlich unbezahlbar sind.

Gewinn 2003: Fr. 8580.50, im Jahr 2011: Fr. 28`302.50 (Stimmt dies?)

Der Jahreslauf wurde in den jüngeren Jahren bereichert mit z. Bspl. Kerzenziehen, Pizza- und Kegel-abenden, Theaterbesuchen, Schneeschuhlaufen, Samichlaus-Einsätzen, Flohmarkt und dem alljährlichen Ausflug.

Der vereinseigene Webstuhl hat eine neue Bestimmung gefunden. Er wird liebevoll „Rösli“ genannt und Peter Räschle (Stift Höfli) hat diesen als Geschenk erhalten.

Eine bewegende und sinnvolle Vereinstätigkeit neigt sich dem Ende zu. Wahrlich beeindruckend, was tüchtige und ideenreiche Menschen bewegen können.

Unterstammheim, 3. Juni 2018